N-S-Überschreitung der kleinen Mythen + Wyss Wändli/Rotgrätli grosser Mythen

Die Erkundung des Mythengebietes war mir schon lange ein Anliegen, allerdings bedurfte es einiger Faktoren, um das Vorhaben durchziehen zu können. Der wichtigste Faktor ist die Trockenheit. Die Spezial-Anstiege bewegen sich hauptsächlich über steile Grasmatten, erdige Tritte und Wurzeln, meistens recht abschüssig, wobei der Fels durchaus fest und kompakt ist. Oder auch schon extrem abgespeckt wie beim Haggenspitz Nordgrat, der Müllerkamin ist ziemlich marmoriert.

 

Mit dicken Föhnwolken am Himmel, die mal zerzaust, mal breit die Sonne verdecken, herrscht eine ganz besondere Stimmung im Mythengebiet. In der Südabdachung angenehme Temperaturen, sobald man in die Gipfelregionen vorstösst fegt der stürmische Wind mit satter Geschwindigkeit um Grate und Kämme. 

 

Wie im Affengarten steigt und klettert man auf ausgetretener Spur über den Haggenspitz Nordgrat empor. An dicken Wurzeln hochziehen, megahohe Grastritte hochpressen, speckigen Fels greifen, ab und an Markierungen finden, die erste gesicherte Passage folgt und schliesslich stehe ich vor dem berühmten Müllerkamin. Naja, weniger dramatisch als angepriessen. Doch was mir ab da an "Bohrhaken" und sonstigen Hilfsmitteln zu Augen kommt, ist schon sehr fragwürdig! Braucht es wirklich in solchem Gelände Bohrhaken? 

 

Das Thema begleitet mich die komplette Tour, immer wieder begegne ich künstlichen Hilfsmitteln. Die Schwierigkeiten beschränken sich auf Schrofengelände, vielleicht wird ein oberer II-er tangiert oder unterer III-er, aber nicht mehr. Die Rasentritte sind ausgetreten, der Fels abgeräumt, die Wegfindung durch die vielen Begehungsspuren recht einfach. Die Anstiegsbeschreibung habe ich zwar am Vorabend gelesen, unterwegs aber nicht mehr ausgepackt, schlichtweg nicht nötig.

 

Die vielen Bohrhaken nehmen mir irgendwie den Reiz, da ich mein alpines Gespür für die Wegfindung nicht mehr einzusetzen brauche, bei jedem Schritt und Tritt wird bestätigt: "Du bist richtig". Dabei ist doch gerade das spielerische Lustgefühl der Motor für solche Touren, sich von Intuition/Erfahrung tragen lassen, fokussiert, aber neugierig für andere Anstiegsmöglichkeiten. Dem Entdeckerdrang, der Abenteuerlust hinter der Haustüre fröhnen.

 

Alpines Gelände mit schrofendurchzogenen Wändchen, Steilgras, mit Legföhren bewachsene Rücken und Grate, all dies wird auch mit den Bohrhaken nicht "safer". Ein unüberlegter Schritt und auch mit Seil im Nachstieg wirst du einen Megapendler reissen, schwerverletzt sein. Was dich davor bewahrt ist eine grosse Portion Glück und vorallem dein stetig, langsam aufgebautes Können und deine Erfahrung mit dieser Art von Terrain. Du wirst nicht von heute auf morgen zur Berggams, auch nicht mit den windigen Bohrhaken.

 

So bin ich während meiner Tour stets am Nachdenken, Argumente Für und Wider abwägen...

 

 

Beim Sattel "Zwischet Mythen" angekommen, überlege ich kurz nach meinem Weiterweg, eigentlich wollte ich über die Chrüzplangg und das Rotgrätli auf den grossen Mythen zum Abschluss. Doch mich lockt die Westseite des Berges, welche von unzähligen Routen überzogen ist. Ein kurzer Blick in den Alpenvereinsführer verrät, wie auf schmalen Gamswechseln der Zugang zur Westwand ermöglicht wird. Weiter führt das Ruchband unterhalb der ganzen Westwand bis zum Adlerspitzli, welches ein Kreuz trägt. Dort geniesse ich die Sonne an einem windgeschützten Platzl. Beim Traversieren habe ich mir ein Bild der Westwandtouren machen können. Ich entscheide mich für das Wyss Wändli, der leichteste Anstieg. Also wieder ganz zurück zum Anfang des Ruchbandes.

 

 

Das Wyss Wändli folgt der einfachsten Linie durch die "W-Wand", treffender wäre Schrofenflanke. Mit der Wegbeschreibung der 11. SL im Kopf starte ich hinein ins Vergnügen. Es macht Spass so frei der Route zu folgen. Steilgrastritte wechseln mit felsigen Passagen, nie ausgesetzt und logisch zu finden. Nur einmal verkoffere ich mich kurz, die 3m wieder zurückklettern, der Kamin auf der linken Seite wäre es gewesen. Schliesslich stehe ich auf der Mythenmatt, die Sonne brennt mittlerweile Vollgas in die Westflanke. 

 

Dann treffe ich Tschäss an, ein verrückter Vogel, ebenso leichtfüssig am Weg. Oder sogar noch etwas freier (Oberkörperfrei, nur eine Trinkflasche umgebunden), der Föhnsturm saust um seine langen Haare, Gänsehaut? Keine Spur. Wir reden lange über die speziellen Anstiege am Mythen, über das Solo-am-Weg sein, über das Freisein. Irgendwie witzig, wir beide stehen da im Sturm auf einer steilen, abschüssigen Wiesen mitten in der Westwand des grossen Mythen.

 

Tschäss kam über den NO-Grat und steigt über den Schafweg ab, ich setze meinen Weg über das Rotgrätli fort zum Gipfel um dann auf der anderen Seite, dem Normalweg, nach einigen Kehren unterhalb wieder auf Tschäss zu stossen. Wir fliegen gemeinsam über den steinigen Weg hinunter zur Holzegg, der Sturm treibt uns an. Dort trennen sich unsere Wege, ich jogge zurück zur Hagenegg, Tschäss muss weiter zur Iberegg. Eine Begegnung des besonderen Art nimmt ihren Lauf...

 

 

 

 

Kuriositäten am Wegesrand

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Kommentare: 1
  • #1

    Dominik (Dienstag, 27 Mai 2014 15:50)

    Salü Patricia

    Einen super Bericht und vor allem eine fantastische Tour hast Du hier beschrieben - das Projekt Wyss Wändli steht bei mir seit unserem Besuch auf dem Adlerspitzli mit Ruchband-Begehung ganz weit vorne. Was mich erstaunt ist, wie Du so frei von der Leber aus diese Route durchstiegen bist - da zücke ich also sehr gerne meinen Hut und verneige mich vor Dir und Deiner Leistung. Ganz so sicher bin ich mir noch nicht, wie und vor allem wie gut ich das Wyss Wändli-Ding meistere - aber wer nicht schiesst, trifft auch nie ins Goal...

    In diesem Sinne weiterhin bereichernde und atemlose Momente, unfallfreie Touren und stets viel Spass im Gelände.

    Beste Grüsse
    Dominik (aka Bombo)

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Patricia Schanne, MSc

Tiroler Bergwanderführerin

/Wanderleiterin SBV

und Sportwissenschafterin

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