Salbit, Gemsplanggen Incredible

Unser spontanes Salbitwochenende hatte einige unerwartete Ereignisse parat: Zuerst standen wir im Gotthardstau, dann erfuhren wir zu Mittag bei der Hütte, dass diese bereits voll belegt ist. Doch wir dürften im Aufentshaltsraum auf dem Boden schlafen. Und schliesslich bekam Harry rasant einen starken Schnupfen und Erkältungserscheinungen, sodass wir schliesslich beschlossen, am Samstag Abend doch noch die Heimreise anzutreten und den Salbitsüdgrat auf einen anderen Tag zu verlegen.

 

Doch der Reihe nach. Wieder bin ich im Göschenertal, den dritten Tag in Folge, nur etwas weiter vorne. Ich habe den Salbitzustieg als elender Treppenanstieg im Kopf, 2005 war ich mit Alex oben, Südgrat, direkter Ostgrat und Mocca waren damals unsere Objekte der Begierde. Doch diesmal schultere ich nur leichtes Gepäck, die Kondition ist besser und irgendwie sind wir die ganze Zeit nur am Ratschen, sodass die Millionen mühsam zu Stufen aufgeschichteten Granitplatten sich in Luft auflösen und wir plötzlich bereits bei der Salbithütte stehen.

 

Energiespeicher auffüllen, Trinken und Führer blattln. Wir entscheiden uns für den Gemsplanggen, eine wunderschöne Wandflucht von 200m, welche leicht links hinten von der Salbithütte in 30min zu erreichen ist. Leider ist das Topo so schlecht, dass wir die verschiedenen Routen und deren Einstiege nicht ausfindig machen können. Ich kenne nur die markante "Mocca", 3 Seilschaften machen sich an der "Incredible" zu schaffen. Nach misslungenem Versuch über die Randkluft an die Wand zu gelangen bei der "Hamavre" entscheiden wir uns auch für die "Incredible", welche im Führer hochgelobt wird. 

 

Mit den nassen Kletterpatschen vom vorherigen gescheiterten Einstiegsversuch klettern sich die ersten Meter noch unrund, doch die gute Absicherung lässt schnell vertrauen aufkommen. Nur kurz vor dem 1. Stand wird vom Vorsteiger ausserordentliches Plattentänzeln gefordert. Ich entscheide mich für die rechte leichte Umgehungsvariante, die Platte mit 6a bewertet ist mir echt zu krass. Selbst Harry im Nachstieg hat äusserste Mühe, die Mikroleisten herzupanieren, zum Stehen gibts einfach nix.

 

Danach folgen wunderbare, lange Seillängen in steilerem Fels. Immer wieder löst sich die Passage auf, es folgt genau dort ein Griff, wo man ihn brauch. Einfach fantastisch. Der Fels wird nach oben hin immer alpiner. Teilweise sind grosse Blöcke, die nicht ganz so stabil wirken als Henkel zu nehmen. Doch alles hält und irgendwie ist das ganze auch wirklich genussvoll zu klettern. Die letzten beiden Längen werden von Rissen gebildet. Piazen und auf Reibung steigen, sehr genial, wie gut, dass die Wand hier oben sich zurücklegt, sonst würde es pumpig werden. Auch die Absicherung verträgt in der letzten Länge einen mittleren Camalot. Ungewohnte Kletterei an schiefen, nach unten geschichteten runden Schuppen, die Tritte im Riss oder auf Reibung verlangen viel Bewegungsgefühl.

 

Nach 7 Seillängen stehen wir oben, ein kühler Wind weht, Wolken haben sich vor die Sonne geschoben. Immer wieder beobachten wir absteigende Seilschaften vom Salbitschijen, der Südgrat war wohl heiss frequentiert. Die Abseilfahrt über die Mocca geht rasant, nur die letzten Meter am steilen Einstiegsschneefeld in Kletterpatschen zu überwinden forderte nochmals volle Konzentration. Mit nasskalten Zehen und Fingern erreichen wir unser festes Schuhwerk, die Randkluft hat unsere Rucksäcke noch nicht verschluckt.

 

Wir düsen hinunter zur Hütte, es ist bereits 19 Uhr als wir diese erreichen. Nachdem Harald einen ersten anflug von Krankheitsanzeichen erleidet, beschiessen wir nach kurzer Rast den Rückmarsch ins Tal anzutreten. Im Bett zu Hause lässt es sich sicherlich besser auskurieren, als am zugigen Boden im Aufenthaltsraum. Ausserdem bei dem Andrang ists sicher auch kein Gaudi am Südgrat...

 

 

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Patricia Schanne, MSc

Tiroler Bergwanderführerin

/Wanderleiterin SBV

und Sportwissenschafterin

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